Russland in die Knie zwingen: Das Strategiepapier der RAND Corporation aus dem Jahr 2019

Im Jahr 2019 verfasste der einflussreiche US Think Tank RAND Corporation ein bemerkenswertes Strategiepapier das aufzeigte, wie man Russland dauerhaft in die Knie zwingen kann. Die Punkte wurden Schritt für Schritt umgesetzt aber alles hat noch nicht funktioniert.

Im Jahr 2019 tauchte in den USA ein bemerkenswertes Strategiepapier der RAND Corporation auf, indem detailliert beschrieben wurde, wie man den Rivalen Russland in die Knie zwingen wolle. Die RAND Corporation ist ein Think Tank der im Jahr 1948 gegründet wurde und anfänglich die US-Army beriet. Später wurde die RAND Corporation zur wichtigen strategischen Säule im Kalten Krieg und mittlerweile beeinflusst der Think Tank weite Felder der US-amerikanischen Politik.


Als einer der wohl erfolgreichsten Think Tanks in den Vereinigten Staaten wirkt die RAND Corporation auch bei Themen wie Gesundheit und Wirtschaft mit, prominente Ex-Mitarbeiter von RAND sind unter anderem Condoleezza Rice und Donald Rumsfeld. Außerdem beschäftigte die RAND Corporation an die 30 Nobelpreisträger verschiedenster Fachrichtungen. Im Jahr 1972 erarbeitete die RAND Corporation bereits eine Strategie um den Kalten Krieg zu gewinnen. Wie das genau funktionieren sollte erklärten die Strategen so: Die USA sollten künftig nicht mehr versuchen, die Sowjetunion auf allen Gebieten zu übertrumpfen sondern vielmehr sollte die Initiative übernommen werden um die Sowjets in Bereiche zu locken in denen die Amerikaner ohnehin stärker sind um damit den Kalten Krieg für sich zu entscheiden.


Der damalige US-Präsident Ronald Reagan setzte die Strategie von RAND um und setzte die Sowjets beim Thema Wettrüsten enorm unter Druck. Gleichzeitig senkten die Amerikaner den Ölpreis so dramatisch, dass die Sowjets immer höhere Rüstungsausgaben hatten aber immer geringere Einnahmen im Energiesektor. Das Ergebnis dieser Strategie ist bekannt, die Sowjetunion erlitt einen Staatsbankrott und die USA gingen als strahlender Sieger aus dem Kalten Krieg hervor.


Diese Strategie der RAND Corporation die von Reagan umgesetzt wurde, war also sehr langfristig geplant. 1972 entworfen, ab dem Jahr 1980 startete die Umsetzung und erst 1989 ging die Sowjetunion pleite und der gesamte Ostblock brach auseinander. Damals wusste kaum jemand außerhalb des inneren Führungszirkels etwas von der Strategie, man freute sich nur über niedrige Energiepreise aber niemand dachte auch nur im Traum daran, dass die USA die Ölpreise und deren Senkung mit Saudi-Arabien abgesprochen hatten um die Sowjets zu drangsalieren.


Heute sind dieses Strategien von damals bekannt, die Historiker haben viel darüber geschrieben, doch Think Tanks wie die RAND Corporation haben deswegen nicht aufgehört Strategien zu entwerfen. Nur ist der Unterschied derjenige, dass, wenn man solche Dinge heutzutage anspricht, man gleich in die Ecke der "Schwurbler" und "Verschwörungstheoretiker" gesteckt wird. Das Problem dabei ist, dass die aktuellen Strategien der Think Tanks auch alle bekannt sind, es interessiert sich nur niemand wirklich dafür.


In ihrem Strategiepapier "Overextending and Unbalancing Russia" (Russland überdehnen und aus der Balance bringen) aus dem Jahr 2019 geht die RAND Corporation auf zwölf Seiten darauf ein, wie man Russland am besten schwächen könnte. Dabei wurden 47 Maßnahmen aufgestellt, von denen viele umgesetzt wurden. Jede Maßnahme barg dem Papier zufolge Risiken die entweder "gering", "moderat" oder "hoch" eingeschätzt wurden, es ging dabei um verschiedene Gesichtspunkte wie "Wahrscheinlichkeit, Russland erfolgreich zu überdehnen" sowie "Vorteile" und auch "Kosten und Risiken". Schon die Einleitung des Papiers ist voller Eigenlob über die angewendete Strategie von 1972 und man kann darin folgendes lesen:


„Dieser neue Report wendet das Konzept auf das heutige Russland an. Ein Team von RAND-Experten hat wirtschaftliche, geopolitische, ideologische, militärische und mediale Optionen entwickelt und sie nach Erfolgswahrscheinlichkeit, Vorteilen, Risiken und Kosten bewertet.“

Es ist also ganz klar herauszulesen, dass die USA Russland dauerhaft schwächen wollten und im Fazit des Papiers kann man lesen:


„Russland sucht keine militärische Parität mit den USA und könnte auf einige militärische Aktionen der USA (zum Beispiel erhöhte Marinepräsenz) einfach nicht reagieren. Andere militärische Aktionen der USA (zum Beispiel Streitkräfte näher an die russische Grenze bringen) könnte für die USA teurer werden, als für Russland.“

Die russische Bedrohung, von der die USA immer erzählt haben, existierte laut der RAND Corporation gar nicht, im Gegenteil wollten die Russen noch nicht einmal genauso stark militärisch aufgestellt sein wie die USA. Es konnten Russland also bis zum provozierten Ukrainekrieg im Jahr 2022 sicherlich keinerlei aggressiven Intentionen unterstellt werden und RAND tat das auch nicht. Aber in den Medien des Westens wurde immer wieder von der drohenden Gefahr aus Moskau gesprochen und nun, nachdem Russland eine Militäroperation in der Ukraine gestartet hat, fühlen sich die hiesigen Propagandisten bestätigt.


Das Papier sprach sogar davon, dass die hohe Militärpräsenz der USA in Russland-nahen Gebieten wie Georgien, Polen oder den baltischen Staaten ausschließlich dafür da war, Russland zu monetär teuren Antworten zu zwingen. Doch jahrelang ließ sich Moskau nicht zu diesen teuren Antworten provozieren, man übte sich in Moskau in Geduld mit dem dauerhaften Vormarsch von NATO-Truppen. Doch die Ukraine überschritt für Putin wohl eine rote Linie.


Die weiteren Themenfelder des RAND-Strategiepapiers zur Schwächung Russlands beschäftigten sich mit wirtschaftlichen Maßnahmen, wie zum Beispiel der Erhöhung der Erdgas- und Erdölproduktion. Man wollte dadurch Moskau vom europäischen Markt verdrängen und das ist ja jetzt offenkundig auch gelungen. Man konnte laut der RAND-Strategie nicht mit russischen Erdgaspreisen mithalten und musste deshalb schon früh Sanktionen gegen das europäische Pipeline-Projekt Nord Stream 2 verhängen. Und schon damals wurde deutlich erkennbar, dass die EU-Politiker dazu bereit waren, höhere Energiepreise zum Schutz US-amerikanischer imperialer Geostrategie-Interessen in Kauf zu nehmen.


Zu weiteren Sanktionen gegen Russland schreibt RAND in seinem Papier, dass diese nur dann wirksam wären, wenn sich andere Staaten den Maßnahmen anschließen würden. Da das aktuell nicht der Fall ist, können die Russen mit den Sanktionen ganz gut leben. Es ging bei den Sanktionen also nie darum, die Russen für ihre bösen Untaten zu bestrafen, sondern darum die USA bei der Durchsetzung ihrer geostrategischen Ziele zu unterstützen. Und auch geopolitische Maßnahmen werden in der RAND-Studie behandelt. Die Hauptsache dabei ist, Russland so hohe Kosten wie möglich aufzuerlegen. Von sechs möglichen Maßnahmen wurden damals drei als erfolgversprechend eingestuft, unter anderem die Lieferung von tödlichen Waffen an die Ukraine, die Unterstützung islamistischer Kämpfer in Syrien und die Liberalisierung Weißrusslands. Man konnte also damals schon erkennen, dass die USA keinerlei Interesse an einer Entspannung in der Ukraine hatten, denn RAND schrieb in seinem Strategiepapier:


„Eine Erhöhung von US-Waffen und US-Beratung an die Ukraine muss genau ausgewogen geschehen, wenn man die Kosten für Russland erhöhen will, ohne den Konflikt auszuweiten, was Russland signifikante Vorteile bringen würde.“

Die USA wollten den Konflikt in der Ukraine in der Art verschärfen, wie es ihnen von Nutzen gewesen wäre. Einen russischen Angriff wollte man vermeiden, denn so könnte die Ukraine für die USA für immer verloren sein. Auch die Unterstützung der islamistischen Kämpfer in Syrien waren für RAND eine bekannte Waffe. Man spricht in der Studie zwar nicht von Islamisten sondern von Rebellen aber durch das Bekanntwerden der CIA-Operation "Timber Sycamore" wurde unlängst bekannt, dass die USA radikale Kräfte gegen die amtierende syrische Regierung unterstützt haben.


In Weißrussland bedeutete Liberalisierung soviel wie Putsch oder Sturz der Regierung Lukaschenko. Und der ist ein enger Verbündeter Moskaus, man würde also einen Puffer weniger zwischen dem Westen und Russlands Grenzen haben. Lange versuchte man in Minsk so etwas wie eine Maidan-Bewegung wie in der Ukraine zu organisieren, bisher aber ohne Erfolg. 2021 war sogar ein Anschlag auf den Präsidenten geplant, nur der russische Geheimdienst konnte diesen Plan noch vereiteln.


Die RAND-Studie beschäftigte sich auch mit dem Thema des Informationskriegs. Demnach müsse russische Propaganda ausgemerzt werden, denn bekanntermaßen berichten nur die westlichen "Qualitätsmedien" die Wahrheit, alles was aus Moskau kommt ist gelogen. RAND beschreibt Maßnahmen zur Entfachung von Protesten in Russland und will das Vertrauen in russische Wahlen untergraben. Man will die Menschen im Sinne westlicher Politik beeinflussen, egal ob die Anschuldigungen wahr sind oder nicht. Es sollte über Unregelmäßigkeiten und Wahlbetrug berichtet werden und das auch, wenn unabhängige Organisationen wie die OSZE etwas anderes berichteten.


Aufgrund dessen, dass die meisten Maßnahmen dieser Art in den letzten 20 Jahren von Putins Präsidentschaft eher mäßigen Erfolg mit sich brachten, ist RAND umso erfreuter, dass es gelungen war schon vor dem Krieg Russlands Ansehen im Ausland zu beschädigen. Sprüche wie "das Regime will Russland zu alter Größe zurückführen" sollten erreichen, dass man Moskau aus internationalen Organisationen ausschließt und Großevents in Russland vom Westen boykottiert werden. Als Beispiel kann man hier die Fußball-WM 2018 betrachten. Dem folgte ein angeblicher Dopingskandal und Russland wurde aus dem Olympischen Komitee ausgeschlossen. Außerdem entzog man Moskau das Stimmrecht im Europarat.


Die Mainstreammedien haben in der Vergangenheit bis zum heutigen Tag immer wieder erzählt, Russland wolle zurück zu altem Ruhm und Glanz und Putin wolle die Sowjetunion wiederbeleben. Aber die RAND Corporation sagte schon 2019, dass Russland keinerlei aggressive Absichten hegt. Gegen Ende macht das Strategiepapier auf Maßnahmen zu Wasser, an Land, in der Luft und im Weltraum aufmerksam, es wird unter anderem der Austritt aus der nuklearen Rüstungsbegrenzung genannt, den wir derzeit beobachten können. Die daraus zu erzielenden Vorteile werden von RAND als mittelmäßig eingeschätzt, die Schwächung Russlands als niedrig und die Risiken und Kosten als hoch. Aber die USA halten an der Strategie fest.


Einige deutsche und polnische Politiker forderten sogar in der Vergangenheit, dass die USA taktische Atomraketen in Europa stationieren soll, RAND schätzte diese Maßnahme als mit hohen Kosten für Russland verbunden ein, die USA hätten dadurch aber kaum Vorteile gehabt. Aber es würden für Washington hohe Risiken und Kosten aus der Stationierung entstehen. Ein anderer Punkt der im Papier der RAND Corporation von 2019 zu finden ist, ist die Forderung nach mehr NATO-Manövern an Russlands Grenzen. In der jüngeren Vergangenheit geschah das verstärkt im Baltikum, in der Ukraine und am Schwarzen Meer. Der Nutzen dieser Manöver wurde von RAND als gering eingeschätzt, die Risiken und die Kosten aber als hoch. Und trotzdem wird uns seit Jahren erzählt, dass man diese Truppenbewegungen an Russlands Grenzen unbedingt benötigt.


Doch trotz all dieser Maßnahmen war Russland bis zum 24. Februar 2022 nicht leicht zu provozieren. Daher schlug RAND acht weitere Maßnahmen vor und zwar:


1. Erhöhung der US-Energieträger-Produktion

2. Härtere Sanktionen gegen Russland

3. Präsenz der Marine der USA und ihrer Verbündeten erhöhen

4. Bomber nach Europa verlegen

5. Mehr Investitionen in Drohnen

6. Mehr Investitionen in Langstrecken- und Angriffsflugzeige sowie in Raketen

7. Mehr Investitionen in langstreckentaugliche Hochgeschwindigkeitsraketen

8. Mehr Investitionen in elektronische Kriegsführung


Hört sich alles in allem sehr nach einer enorm friedliebenden USA an, die nur militärisch interveniert wenn sie bedroht ist. Pustekuchen, die Amerikaner wollen ihre Konkurrenten sogar ausschalten, wenn diese gar nichts machen was den USA schaden könnte. Und den USA ist es auch egal, wenn Verbündete von ihnen, bzw. deren Bevölkerungen unter Wirtschaftssanktionen leiden und auch, dass Menschen in von ihnen geführten Stellvertreterkriegen sterben, wie aktuell in der Ukraine.


Doch bei uns gilt es nach wie vor als zynisch und als antiamerikanisch, wenn man in Zweifel zieht, dass die USA nur Demokratie und Wohlstand verbreiten wollen. Hierzulande wird weiterhin das Märchen vom weißen Samariter aus Washington erzählt, der nur das Beste für die Weltbevölkerung will. Zum Beispiel in der Ukraine und in Syrien oder in Europa, wo die Menschen unter den Wirtschaftssanktionen und steigenden Preisen leiden. Alles nur zu ihrem Besten versteht sich. Die RAND Corporation hat all die derzeitig zu beobachtenden Entwicklungen schon vor drei Jahren erfolgreich vorhergesagt.


Quellen:


(1) https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/research_briefs/RB10000/RB10014/RAND_RB10014.pdf

(2) https://tass.ru/mezhdunarodnaya-panorama/6496869

(3) https://www.artikeleins.info/post/trotz-der-sanktionen-russland-verkauft-mehr-erd%C3%B6l-als-vor-dem-krieg

(4) https://en.wikipedia.org/wiki/Timber_Sycamore

(5) https://www.spiegel.de/politik/ausland/europarat-russland-erhaelt-stimmrecht-in-parlamentarischer-versammlung-zurueck-a-1274131.html

(6) http://www.peterhall.de/treaties/inf/text/art15.html

(7) http://www.spiegel.de/politik/ausland/inf-abkommen-polnischer-aussenminister-fordert-us-atomraketen-in-europa-a-1251157.html

(8) https://www.spiegel.de/politik/ausland/grossuebung-zur-buendnisverteidigung-die-nato-probt-den-ernstfall-a-1265718.html


148 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen