Reuters: Millionen Flüchtlinge bleiben ungeimpft, weil die Hersteller Klagen befürchten

Aktualisiert: 24. Dez. 2021

Einem internen Dokument der Impfallianz GAVI zufolge befürchten die Hersteller der angeblich so sicheren Substanzen gegen Covid-19 eine Klagewelle vonseiten der Flüchtlinge, daher weigern sie sich diese in großem Maßstab zu impfen.


Die größte Nachrichtenagentur der Welt, Reuters analysierte vor kurzem ein internes Dokument der Impfallianz GAVI aus dem hervorgeht, dass sich die Pharmariesen und Hersteller der vorgeblich so sicheren mRNA-Vakzine weigern, "dutzende Millionen Migranten" zu impfen. Sie fürchten eine Klagewelle durch mögliche schädliche Nebenwirkungen der Substanzen.


Offiziellen Daten zufolge sind weltweit bisher 56,6 Prozent der Menschen in den "Genuss" einer ersten Dosis der Flüssigkeit gekommen. Our World in Data zeigt auch, dass 8,63 Milliarden Dosen verabreicht wurden, die tägliche Quote beträgt 37,22 Millionen Dosen weltweit. In Ländern mit durchschnittlich niedrigem Einkommen haben hingegen nur 7,6 Prozent der Menschen mindestens eine Dosis erhalten.


Laut der Analyse von Reuters haben die Hersteller darauf bestanden von den Vereinten Nationen "alle kommenden Ereignisse" entschädigt zu bekommen, die "bei Einzelpersonen als Folge der Impfstoffabgabe auftreten könnten." Als Ereignisse werden "unerwünschte" und unbekannte Nebenwirkungen definiert, die eine Einzelperson nach der Gabe der Substanz erleiden könnte.


Als Bürger einer Nation kann man in Folge eines Impfschadens von den Herstellern eigentlich eine Entschädigung verlangen, doch in Folge der genannten Vereinbarung muss diese Entschädigung vom jeweiligen Staat geleistet werden. Staatenlose Menschen und Migranten aus Kriegsgebieten, zum Beispiel aus sogenannten "Failed Sates" sind laut dem GAVI-Bericht von staatlicher Unterstützung ausgeschlossen.


Das COVAX-Programm richtete für diese Menschengruppen infolgedessen eine Art humanitären "Impf-Puffer" ein, das heißt eine Reserve an Impfdosen, die von humanitären Gruppen verabreicht werden kann. GAVI und COVAX sind offiziell Unterorganisationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), werden aber zum Großteil durch Privatspenden finanziert. Die Impfallianz richtete den Puffer Anfang 2021 ein, fünf Prozent aller Dosen, die COVAX zur Verfügung stehen, wurden zurückgehalten. 1,6 Millionen Einheiten gelangten bisher in den Iran, so die UNICEF. Dort halten sich momentan viele vertriebene Menschen aus Afghanistan auf. Bei den reservierten Dosen handelt es sich um das Vakzin von Sinopharm.


"COVID-19 Vaccines Global Access", kurz COVAX ist die Verteilerorganisation von Impfstoffdosen. Sie bestellt die Einheiten bei den Pharmakonzernen und teilt sie den Staaten zu, die COVAX-Mitglieder sind. Die Impfstoffallianz GAVI ist eine öffentlich-private Partnerschaft und hat ihren Sitz in der Schweiz. Sie wurde im Jahr 2000 gegründet, mit dem Ziel Impfstoffe in der ganzen Welt zu verteilen. Reuters untersuchte GAVI-Dokumente, welche für eine Ende November stattfindende Vorstandssitzung ausgearbeitet wurden. Der Bericht beschreibt, dass "die Unternehmen, die unter diesen Umständen dazu bereit sind, nur eine Minderheit der Impfstoffe für das Programm liefern." Reuters schreibt dazu:


"Mehr als zwei Drittel der COVAX-Dosen stammen laut GAVI von Pfizer Inc. und dessen Partner BioNTech SE, AstraZeneca PLC und Moderna Inc. Moderna habe laut Reuters eine Stellungnahme abgelehnt. AstraZeneca und Pfizer erklärten, sie befänden sich in Gesprächen mit GAVI, lehnten aber ebenso eine weitere Stellungnahme ab. Alle drei Unternehmen erklärten, sie seien bestrebt, den ärmeren Ländern Impfstoffdosen zu relativ niedrigen Preisen zur Verfügung zu stellen. Pfizer erklärte, das Unternehmen arbeite direkt mit den Regierungen in Jordanien und im Libanon zusammen, um Dosen für Flüchtlinge zu spenden."

Doch warum wird in diesem Fall bei der Auslieferung so zurückhaltend agiert? Laut dem Bericht ist das darauf zurückzuführen, dass "vor allem wegen der rechtlichen Bedenken laut GAVI bisher weniger als 2 Millionen Dosen aus dem Puffer verschickt wurden." Rechtlicher Bedenken? Ja, denn laut der UNO, die in dem Papier zitiert wird, werden ungefähr 167 Millionen Menschen von den Impfprogrammen ausgeschlossen.


"'Solange nicht alle Firmen die rechtliche Verantwortung übernehmen, wird der Zugang zu Impfstoffen für einige Bevölkerungsgruppen eine Herausforderung bleiben', heißt es in den GAVI-Dokumenten. Und es wird hinzugefügt, dass neue Krisen eine zusätzliche Nachfrage nach Impfstoffen für vertriebene Bevölkerungsgruppen erzeugen werden."

Als "große Hürde" beim Versuch, Impfstoffe für den Puffer bereitzustellen bezeichnet ein Sprecher von GAVI die Weigerung der Hersteller, für die rechtlichen Konsequenzen einzustehen, zu Details des Dokuments wollte sich die Allianz aber noch nicht äußern. Die einzige Aussage vonseiten eines Sprechers von GAVI war bisher:


"Die Anträge für Impfstoffe seien so lange vertraulich, bis die Dosen geliefert werden."

Seth Berkely, CEO von GAVI forderte bereits im September die Konzerne dazu auf, die rechtlichen Sicherheiten in Bezug auf die brisanten Lieferungen hinten anzustellen. Berkely dazu auf Twitter:


"Ich habe die Hersteller aufgefordert, sich zu größerer Transparenz in Bezug auf ihre Auftragsbücher und Lieferfristen zu verpflichten und auf Entschädigungszahlungen für den humanitären Puffer zu verzichten, der für Flüchtlinge, ISPs und Menschen in humanitären Notsituationen auf der ganzen Welt eine Lebensader darstellt."

SinoVac Biotech Ltd, Sinopharm Group Co. Ltd und Clover Biopharmaceuticals Co. Ltd. also drei chinesische Hersteller haben sich laut Reuters dazu bereit erklärt, für die rechtlichen Fragen einzustehen, wenn ihre Vakzine an den Impf-Puffer geliefert werden können. Die Impfstoffallianz bestätigt diese Aussagen in ihrem Dokument. Eine Stellungnahme wollten die chinesischen Firmen allerdings nicht abgeben, so Reuters. Johnson & Johnson, ein amerikanischer Hersteller von Impfstoffen wolle auch auf Entschädigungsforderungen verzichten. Der CSO des Unternehmens, Paul Stoffels erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur:


"Wir sind stolz darauf, Teil dieser Bemühungen zum Schutz der am meisten gefährdeten Menschen der Welt zu sein."

Die Pharmakonzerne argumentieren zusätzlich, dass es sehr schwierig sei "die Sicherheit von Impfstoffen in Flüchtlingslagern ständig zu überwachen." Logistik und Lieferung sei "sehr anspruchsvoll" und nicht "für alle Arten von Impfstoffen geeignet." Mit dieser Begründung argumentiert der Europäische Verband der Pharmazeutischen Industrien und Verbände (EFPIA), der Vertreter der großen Pharmakonzerne in Europa. Laut dem Verband ist die größte Sorge der Hersteller, dass Nebenwirkungen falsch diagnostiziert werden:


"Die Menschen könnten Impfstoffe für Probleme verantwortlich machen, die im Nachhinein auftreten, auch wenn sie nichts mit dem Wirkstoff zu tun haben. Dies könnte dann zu einer erhöhten Anzahl von Rechtsstreitigkeiten führen, bei denen die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs öffentlich in Frage gestellt wird."

Der Reuters-Bericht zitiert auch John T. Monahan, Professor an der Georgetown University:


"Impfstoffhersteller versuchen in fast allen Fällen, rechtliche Risiken zu minimieren. Der Goldstandard ist die vollständige Immunität vor Klagen. Wenn sie Ausnahmeregelungen akzeptieren, könnte es schwieriger werden, dieses Ziel zu erreichen."

Die Internationalen Organisation für Migration (IOM) gab an, dass über 100 Regierungen weltweit zugesagt hätten, für die Migranten Vakzine bereitzustellen. Die Gruppe der Vereinten Nationen bemerkte jedoch, dass "Migranten und Flüchtlinge aufgrund administrativer oder kultureller Hürden oft von solchen Programmen ausgeschlossen sind." Mireille Lembwadio, globale Organisatorin in Impfstoff-Fragen der IOM fügte in Bezug auf die Vertriebenen hinzu, dass "sie ungeimpft zu lassen", dazu beitragen könne, "das Virus und seine Varianten in der ganzen Welt zu verbreiten."



Quellen:


(1) Coronavirus (COVID-19) Vaccinations - Statistics and Research - Our World in Data

(2) Refugees lack COVID shots because drugmakers fear lawsuits, documents show | Reuters

(3) Pharmakonzerne werden in der EU von Haftung bei Corona-Impfstoff freigestellt (deutsche-wirtschafts-nachrichten.de)

(4) Weltweiter Zugang zu Corona-Impfstoffen: So funktioniert die COVAX Facility | vfa

(5) Der Impfaktivismus der Gates-Stiftung - (multipolar-magazin.de)

(6) Reuters Connect

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